Nimm Unterstützung an
Unser Beratungsalltag ist so vielfältig wie die Menschen, die sich melden. Ob telefonisch, schriftlich oder in der Walk-In-Beratung: Wir hören zu, ordnen und zeigen nächste Schritte auf. Jede Anfrage ist einzigartig und verlangt Feingefühl sowie Fachwissen. Die Reportage unserer Beraterin Nadia Pernollet gibt vertieften Einblick.
Autorin: Nadia Pernollet
Es ist Montag und der Nebel liegt tief, als ich im Büro ankomme. Drei Arbeitskolleginnen sind bereits da; wir begrüssen uns, tauschen ein paar Worte über das Wochenende aus und ich lasse mir einen Kaffee raus, bevor ich mich an den Computer setze und die Beratungslinie öffne. Erfahrungsgemäss dauert es nicht lange, bis das Telefon klingelt. So ist es auch heute. Meine Beratungsschicht beginnt.
Anfragen sind so individuell wie die Menschen selbst
Oft werde ich gefragt, mit welchen Themen die Menschen in der psychosozialen Beratung anrufen und welche Fragestellungen am häufigsten vorkommen. Das ist gar nicht so leicht zu beantworten. In meinem Beruf erlebe ich jeden Tag, wie vielfältig und einzigartig Menschen sind. Keine Geschichte gleicht der anderen, und genau das macht meine Arbeit so spannend. Jede Person bringt ihre eigenen Erfahrungen, Hoffnungen, Brüche und Ressourcen mit; ich darf sie darin unterstützen, die nächsten Schritte auf ihrem Weg zu erkennen.
Am Ende der heutigen Beratungsschicht blicke ich auf sechs sehr unterschiedliche Gespräche zurück. Drei Menschen kamen mit eigenen psychosozialen Belastungen zu mir, zwei suchten als Angehörige Unterstützung, weil sie sich um eine nahestehende Person sorgen, und ein Vorgesetzter wollte klären, wie er mit einem Mitarbeitenden umgehen kann, bei dem er eine psychische Belastung vermutet.
Nach jeder Beratungsschicht hoffe ich, dass es mir gelungen ist, den Ratsuchenden ein Stück Klarheit und Orientierung mitzugeben. Mir ist wichtig, dass sie erkennen, welche Ressourcen bereits in ihnen liegen und wie sie den Zugang dazu wiederfinden können. Wenn Menschen am Ende eines Gesprächs etwas leichter atmen, einen neuen Gedanken mitnehmen oder sich wieder ein wenig handlungsfähiger fühlen, dann zeigt sich für mich, dass die Beratung etwas bewirkt hat.
Psychische Gesundheit im Kontext des sozialen Umfelds
Psychische Gesundheit lässt sich nie losgelöst vom sozialen Umfeld betrachten. Psychosoziale Themen berühren das ganze Leben. Sie tauchen überall dort auf, wo Menschen mit sich selbst, mit anderen oder mit ihrer Umwelt in Beziehung stehen. Es geht um das, was uns im Innersten bewegt, aber genauso um das, was uns im Alltag herausfordert: Identität, Beziehungen, Belastungen, Übergänge, Entscheidungen, Krisen und Ressourcen. Oft kommen ganz praktische Fragen hinzu:
- Wohin kann ich mich in einer finanziellen Notsituation wenden?
- Welche Therapieform ist die richtige für mich?
- Brauche ich überhaupt eine Therapie oder gibt es auch andere Angebote, die mir weiterhelfen?
- Wie gehe ich mit Ämtern oder Versicherungen um, wenn mich der Papierkram überfordert?
- Wie kann ich meinen Alltag strukturieren, wenn mir alles zu viel wird? Wie spreche ich mit meinem Umfeld über meine Belastungen, ohne mich zu schämen oder zu überfordern?
- Wie spreche ich eine mir nahestehende Person an, bei der ich vermute, dass es ihr psychisch nicht gut geht?
In der psychosozialen Beratung begegnen mir all diese Facetten menschlichen Lebens – manchmal leise und unscheinbar, manchmal laut und überwältigend.
Schriftliche Beratung schafft Distanz, die schützt, und Nähe, die trägt
Nach dem Mittagessen mit meinen Arbeitskolleg*innen widme ich mich den eingegangenen e-Beratungen. Es ist wichtig, verschiedene Zugänge zur Beratung anzubieten, denn nicht alle Menschen greifen gerne zum Telefon. Der Zugang zu unseren Beratungen sollte so einfach und niederschwellig wie möglich sein, da für viele Menschen die Überwindung, sich zu melden, ohnehin schon gross ist.
In der schriftlichen Beratung begegnen wir Ratsuchenden auf eine andere, oft sehr intensive Weise. Eine der grössten Herausforderungen besteht darin, dass wir keine nonverbalen Signale wahrnehmen können. Wir hören keine Stimme, sehen keine Mimik, spüren keine Pausen. Alles, was wir verstehen, entsteht aus Worten – und aus dem, was zwischen den Zeilen mitschwingt. Das verlangt viel Sensibilität, ein genaues Lesen und die Fähigkeit, Unsicherheiten auszuhalten, ohne vorschnell zu interpretieren.
Gleichzeitig liegt genau darin ein grosser Vorteil. Viele Menschen öffnen sich schriftlich leichter, weil sie Zeit haben, ihre Gedanken zu sortieren, Worte zu wählen und in ihrem eigenen Tempo zu erzählen. Schriftliche Beratung schafft Distanz, die schützt, und Nähe, die trägt. Sie ermöglicht Reflexion, weil das Geschriebene stehen bleibt und wieder gelesen werden kann. Und sie gibt auch uns als Beratenden die Möglichkeit, sorgfältig zu formulieren, nachzudenken und präzise zu antworten. So entsteht ein Raum, der anders funktioniert als ein Gespräch, aber genauso wertvoll ist.
Unsere Interdisziplinarität ist unsere Stärke
Nun ist es schon 16 Uhr und ich schaue noch einmal in meinen Posteingang und überprüfe den Kalender für diese Woche. Eine Schicht in der Walk-In-Beratung steht diese Woche an – und darauf freue ich mich besonders. Diese Beratung ist interdisziplinär geführt. Das bedeutet, dass ich gemeinsam mit einer Kollegin aus der Rechtsberatung Menschen empfange, die mit komplexen Anliegen zu uns kommen.
Gerade diese Kombination macht das Angebot so wertvoll: Wir können Situationen gleichzeitig aus psychosozialer und juristischer Perspektive betrachten und dadurch Lösungsansätze entwickeln, die sowohl emotional tragfähig als auch rechtlich fundiert sind. Für die Ratsuchenden entsteht ein niedrigschwelliger Raum, in dem sie schnell Orientierung finden und spürbar entlastet werden.
Neben ein, zwei Sitzungsterminen und einer weiteren Beratungsschicht steht Ende Woche noch eine persönliche Beratung vor Ort an: Die Eltern eines jungen Mannes möchten sich informieren, wie sie mit den psychischen Belastungen und dem Rückzug ihres Sohnes umgehen können. Das ist eine herausfordernde Situation, die allen Beteiligten sehr viel abverlangt.
Am Mittwoch findet unsere grosse Teamsitzung statt, und ich sehe in der Einladung, dass auch unser Team aus dem Tessin wieder einmal physisch mit dabei sein wird. Es ist immer schön und wertvoll, wenn wir uns alle treffen und Zeit für einen Austausch haben.
Das «Tessiner Modell»
Unsere Beratungsstelle im Tessin hat in ihrem Kanton eine besondere Bedeutung. Sie befindet sich direkt auf dem Gelände der psychiatrischen Klinik in Mendrisio. Ganz nah bei den Menschen, die Unterstützung brauchen.
Pro Mente Sana Ticino übernimmt zudem eine zentrale Rolle für Personen, die gegen ihren Willen in die Klinik eingewiesen werden. Grundlage dafür ist Art. 43 Abs. 2 des Sozialpsychiatriegesetzes des Kantons Tessin: Er verpflichtet den Kanton, eine unabhängige Stelle für Menschen mit psychischen Erkrankungen einzurichten und diese Aufgabe einer privaten, gemeinnützigen Organisation zu übertragen. Genau diese Verantwortung trägt Pro Mente Sana Ticino – als verlässliche, unabhängige Anlaufstelle für Betroffene und Angehörige.
Auch für uns in der Deutschschweiz ist diese enge Zusammenarbeit über Kantonsgrenzen hinweg bereichernd. Sie erinnert mich daran, wie vielfältig unsere Arbeit ist und wie unterschiedlich die Rahmenbedingungen sein können, unter denen wir Menschen begleiten.
Feierabend
Wenn ich am Ende des Tages das Licht im Büro lösche, nehme ich all diese Begegnungen noch einen Moment mit. Jede Beratung erinnert mich daran, wie viel Vertrauen Menschen uns entgegenbringen und wie wichtig es ist, ihnen mit Klarheit, Respekt und echter Präsenz zu begegnen. Psychosoziale Beratung bedeutet für mich, für die Menschen in den Momenten da zu sein und Handlungsstrategien zu entwickeln, in denen vieles unsicher ist – und ihnen zu zeigen, dass sie nicht allein durch diese Unsicherheit gehen müssen.
Unser Beratungsangebot auf einen Blick
Pro Mente Sana bietet kostenlose Beratung zu psychosozialen und rechtlichen Fragen für Menschen mit einer psychischen Beeinträchtigung an. Auch Angehörige und Nahestehende sowie weitere Bezugspersonen können sich kostenlos beraten lassen.
- Telefonische Beratung 0848800858
- e-Beratung
- Walk-In-Beratung in Zürich (jeweils Dienstag- und Freitagmorgen)
3 konkrete Anregungen, die helfen, Unterstützung anzunehmen:
- Konzentrieren Sie sich in schwierigen Phasen auf das, was Sie gut können. Dinge, die Ihnen im Moment schwerfallen oder weniger wichtig sind, können Sie abgeben. Bitten Sie dafür gezielt um Hilfe.
- Menschen, die Ihnen nahestehen, möchten für Sie da sein. Versuchen Sie zu benennen, was Ihnen helfen könnte, und fragen Sie in Ihrem Umfeld nach konkreter Unterstützung.
- Bitten Sie jemanden darum, eine Aufgabe Ihrer To-do-Liste zu übernehmen. Auch kleine Dinge, wie den Abwasch oder einen Einkauf übernehmen, können eine grosse Entlastung sein.
Weitere Anregungen und Informationen zum Thema «Unterstützung annehmen» finden Sie unter Unterstützung annehmen.