Interview
08.09.2025
Einsatz für Patientenrechte im Tessin
Fast 20 Jahre lang setzte sich Maria Grazia Giorgis Zanini, Geschäftsführerin Pro Mente Sana Tessin, für die Rechte von Patient*innen ein und bewirkte im Tessin wichtige Verbesserungen.
Was hat dich dazu bewogen, bei Pro Mente Sana zu arbeiten?
Ich bin eher zufällig zu Pro Mente Sana gestossen. Jemand hatte mich darauf hingewiesen, dass die Stiftung für das Tessin eine Person suchte, die sich für psychische Erkrankungen und die Rechte der Betroffenen interessiert. Damals arbeitete ich bei der KESB und das Thema hat mich sehr angesprochen. Nach einem Treffen mit Marco Borghi spürte ich sofort eine Verbindung zu ihm und seiner Vision zu den Patientenrechten. So begann mein Abenteuer bei Pro Mente Sana.
Wie haben sich die Themen rund um psychische Gesundheit im Tessin in den letzten 20 Jahren verändert?
Die Veränderungen verlaufen sehr, sehr langsam. Ich habe oft den Eindruck, dass es einen Fortschritt im Verständnis für psychische Erkrankungen und in der sozialen Integration von Betroffenen gibt – nur um dann wieder Rückschritte zu erleben, sobald gesellschaftliche Probleme, wie etwa Gewalt, in den Vordergrund rücken. Oder anders gesagt: Es gibt Phasen der Offenheit und Sensibilisierung für psychische Gesundheit. Dann kommen wieder Zeiten wie die jetzige, in denen psychische Erkrankungen oft mit Gewalt in Verbindung gebracht werden. Plötzlich wird die Krankheit zu etwas, das kontrolliert werden muss, und Betroffene werden aus der Gesellschaft ausgeschlossen oder unter Überwachung gestellt. Dies zeigt sich an der steigenden Zahl oft ungerechtfertigter Zwangseinweisungen.
Welche Erfahrung oder welche Begegnung hat dich nachhaltig geprägt?
Es gibt viele und es fällt mir schwer, nur eine herauszugreifen. Ich habe viel Leid und zahlreiche Ungerechtigkeiten erlebt, die mich tief berührt haben – aber auch grosse Resilienz. Ich kann sagen, dass die Begegnung mit Pro Mente Sana für viele Menschen einen echten Unterschied gemacht hat. Genau das hat mich motiviert, meine Arbeit mit Hingabe und Ausdauer fortzusetzen.
Auf welchen Erfolg bist du stolz?
Ein besonderer Erfolg in meiner Laufbahn war die Abschaffung der mechanischen Fixierung in der psychiatrischen Klinik, ohne dass die Zwangsmedikation zunahm. Es war eine intensive und herausfordernde Arbeit, aber sie hat sich gelohnt. Heute ist es in der psychiatrischen Klinik in Mendrisio nicht mehr erlaubt, Patient*innen ans Bett zu fesseln. Das ist ein grosser Erfolg, der Hoffnung gibt – aber auch ständige Wachsamkeit erfordert. Denn es besteht immer die Tendenz, zu alten Methoden zurückzukehren, weil sie den Fachkräften vermeintlich mehr Sicherheit geben. Deshalb ist es essenziell, niemals nachzulassen.
Welche Botschaft möchtest du deinen Nachfolger*innen hinterlassen?
Wir arbeiten in einem wunderbaren Bereich. Wir haben die Möglichkeit, mit sehr einfühlsamen Menschen zu arbeiten, die durch ihre persönlichen Erfahrungen viel zu geben haben. Ich hoffe, dass meine Nachfolger*innen diese Schönheit erkennen und daran glauben, wirklich etwas bewirken zu können.
Hast du Pläne für deine Zeit nach der Pensionierung?
Ich werde weiterhin für die Rechte psychiatrischer Patient*innen kämpfen – das liegt mir sehr am Herzen. Ausserdem werde ich mehr Zeit haben, um Grossmutter zu sein, zu reisen, zu lesen und Zeit auf der Insel Elba zu verbringen. Kurz gesagt: Ich freue mich darauf, all die Träume zu verwirklichen, die ich noch in der Schublade habe.