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Interview: 5 Fragen an den Stiftungsratspräsidenten

26.05.2026

Fokus setzen und Wirkung stärken

Matthias Jäger, seit Januar 2026 Stiftungsratspräsident von Pro Mente Sana, spricht über seine ersten Eindrücke, strategische Prioritäten und die künftigen Chancen der Stiftung.

Was sind deine ersten Eindrücke vom Team und der Organisation?

Ich habe das rund 40-köpfige Team von Pro Mente Sana im Februar persönlich kennenlernen dürfen. Beeindruckt haben mich die Vielfalt der fachlichen und persönlichen Hintergründe der Mitarbeitenden und deren Aufgabenfelder. In der Vorstellungsrunde habe ich eine hohe professionelle Klarheit und eine grosse gemeinsame Sensibilität für die Lebensrealitäten von Menschen mit psychischen Belastungen und Beeinträchtigungen erlebt. Die Geschäftsleitung habe ich als sehr identifiziert mit den Werten von Pro Mente Sana kennengelernt. Die Mitglieder sind dynamisch für die Umsetzung der strategischen Ziele der Stiftung und deren Weiterentwicklung engagiert. Ein prominentes Thema ist dabei, die psychische Gesundheit der Menschen als Ganzes, von der Gesundheitserhaltung bis zu den Angeboten für Personen mit schweren Beeinträchtigungen, im Auge zu behalten und allen ein Angebot zu machen. Den Stiftungsrat habe ich in den bisherigen Sitzungen als sehr verbunden mit der Stiftung und deren Mitarbeitenden erlebt, stets das Wohl der Organisation und deren Wirkung für die Bevölkerung im Blick.

Welche Themen liegen dir besonders am Herzen – auch im Hinblick auf die strategische Weiterentwicklung der Organisation?

Mir ist es ein Anliegen, Pro Mente Sana nach der anspruchsvollen Phase der finanziellen und organisatorischen Sanierung und Konsolidierung gemeinsam mit Stiftungsrat, Geschäftsleitung und Mitarbeitenden auf die zukünftigen Herausforderungen  auszurichten. Auf der heute erreichten soliden betrieblichen Grundlage muss sich die Stiftung inhaltlich und beweglich auf die aktuellen Entwicklungen im Bereich der psychischen Gesundheit einstellen. Hierzu gehört die Förderung psychischer Gesundheit und der Entstigmatisierung psychischer Erkrankungen aller Schweregrade, die Präsenz in zentralen gesellschaftlichen Bereichen wie Schule, Bildungswesen und Arbeitsmarkt sowie die Beratung und Unterstützung von Menschen mit Beeinträchtigungen aufgrund psychischer Erkrankungen. Gerade für die letztgenannten Menschen stellt das Versorgungssystem in der Schweiz trotz seiner relativ grossen Ressourcen zu wenig geeignete Angebote zur Verfügung. Hier könnte Pro Mente Sana durch Interessensvertretung dazu beitragen, dass frühzeitig geeignete und zugängliche Angebote entstehen, die auf den Bedarf von Personen ausgerichtet sind, die etablierte psychiatrische Behandlungsangebote nicht nutzen können oder wollen.

Mit Blick auf die Strategie 2027 bis 2030: Welche Weichen müssen wir bereits dieses Jahr dafür stellen – und welche Rolle nimmst du als Präsident dabei ein?

Die nächste Strategie wird in diesem Jahr durch den Stiftungsrat und die Geschäftsleitung in Abstimmung mit den Mitarbeitenden entwickelt. Die Strategieideen werden auch mit externen Partnern gespiegelt. Ein Thema für die Strategieentwicklung ist die Frage nach den inhaltlichen Schwerpunkten, da Pro Mente Sana ein breites Themenspektrum abdeckt, dabei aber nicht alles machen kann. Ein weiteres Thema ist die Ausrichtung des Wirkungsraums. Pro Mente Sana ist eine nationale Fachorganisation, die jedoch über sehr begrenzte Ressourcen verfügt. In diesem Zusammenhang sind Entscheidungen erforderlich, welche Themen auf Bundesebene präsent sein und welche Angebote eher regionale Reichweite haben sollen. Inhaltlich geht es unter anderem um das Angebotsportfolio und die Zielgruppen der psychosozialen und juristischen Beratung. Auf Ebene der Kommunikation prüfen wir, wie wir die verschiedenen Angebote positionieren können. Organisatorisch werden wir uns mit der Struktur und Governance von ensa beschäftigen, einem Angebot mit Wachstumspotential durch hohen schweizweiten Bedarf. 

Erste Stiftungsratsitzung mit Matthias Jäger (Mitte)

Wo siehst du die grössten Chancen für die Organisation im kommenden Jahr?

Durch die erfolgreiche finanzielle Konsolidierung der Stiftung besteht nun das Potenzial, uns fit für die Zukunft zu machen. Eine grosse Chance kann aus der hohen Bekanntheit und dem guten Ruf von Pro Mente Sana abgeleitet werden. Hierdurch hat die Stiftung Gehör und ist zu aktuellen Themen medial und politisch gefragt. Psychische Gesundheit und Erkrankungen erhalten in der Schweiz derzeit eine hohe Aufmerksamkeit, einerseits durch verstärkte Entstigmatisierung, andererseits durch eine unerfreuliche Restigmatisierung bestimmter Erkrankungen wie Psychosen, die in medialen Berichterstattungen über Gewaltereignisse und Straftaten häufig undifferenziert als ursächlich für die Ereignisse diskutiert werden. 

Was motiviert dich persönlich in deiner neuen Rolle?

Ich sehe in meiner Rolle als Präsident des Stiftungsrats die Möglichkeit, Impulse für die inhaltliche und organisatorische Weiterentwicklung der Pro Mente Sana geben zu können. Mich motiviert die Herausforderung, mit begrenzten Ressourcen eine möglichst grosse Sichtbarkeit für Menschen mit psychischen Belastungen und Erkrankungen in der Gesellschaft zu erreichen. Es ist anspruchsvoll, dabei das gesamte Spektrum von leichteren psychischen Belastungen bis hin zu schwereren Beeinträchtigungen durch psychische Erkrankungen zu berücksichtigen. Einer Pathologisierung von normalen Alltagsproblemen, bei denen zur eigenen Erklärung und Entlastung bestimmte psychiatrische Diagnosen gesucht werden, ist dabei ebenso entgegenzuwirken wie einer Restigmatisierung einzelner Diagnosen durch Labels wie «uneinsichtig», «randständig», «unberechenbar» oder «gefährlich».

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