Gastbeitrag
25.08.2026
«Es darf nicht sein, ein Monster durch ein anderes zu ersetzen.»
In diesem Gastbeitrag blickt die Autorin auf ihre Erfahrungen mit psychiatrischer Zwangsbehandlung als Jugendliche zurück. Sie zeigt auf, welche langfristigen Folgen solche Eingriffe haben können und welche Veränderungen aus ihrer Sicht nötig sind, um die Rechte von Kindern und Jugendlichen besser zu schützen.
Anmerkung der Redaktion: Dies ist ein Gastbeitrag. Die darin geschilderten Erfahrungen, Meinungen und Einschätzungen stammen von der Autorin. Der Beitrag enthält Schilderungen belastender Erfahrungen. Die Autorin ist der Redaktion bekannt.
Ich wurde 1998 zwangspsychiatrisiert. Danach war nichts mehr wie sonst.
Als 14- bis 15-jährige Anorexie-betroffene Jugendliche war ich 9 Monate lang gewaltsamer psychiatrischer Zwangsbehandlung ausgeliefert, übergriffig und schädigend für meinen Körper und meine Seele. Dies hat einen langen Schatten auf mein Leben geworfen und beeinträchtigt mich noch heute. Nicht wissend, wohin mit dieser Geschichte, holte sie mich immer wieder ein.
Ein Vierteljahrhundert dauerte mein Ringen um öffentliches Gehör und meine Weigerung, dieses Trauma als «Privatproblem» abtun zu lassen. Mitleid half und hilft mir nicht, im Gegenteil, es macht hilflos. Zusammen hinstehen, konfrontieren und sich wehren gibt Kraft und schafft Veränderung.
Ich möchte mit diesem Gastbeitrag anhand meiner persönlichen Geschichte die Problematik von Zwangsbehandlungen speziell an Kindern und Jugendlichen beleuchten, auf kollektive Erfahrungen eingehen, Verbesserungen anstossen, Fachpersonen sensibilisieren und Betroffenen Mut machen, sich zu äussern, für sich einzustehen und sich ggf. zu wehren.
Meine Geschichte
1998 – monatelange Zwangsbehandlung als Jugendliche
Im alten Jahrtausend waren Essstörungen wenig im allgemeinen Bewusstsein verankert; allenfalls hiess es, Ursache seien Schönheitsideale der öffentlichen Plakatwerbung. Familiäre Schieflagen als Mit-Auslöser wurden kaum erkannt, angesprochen, eingestanden oder gar angegangen.
Von allen Seiten unter Druck stehend, suchte ich mir bei der städtischen Jugendberatung Hilfe. Obwohl ich wöchentlich dorthin ging («Ich muss weg von daheim!») und auch meine Eltern Hilfe suchten, reagierte monatelang niemand. Es wurde beraten und beraten, während der steigende Druck der Gesamtsituation (schwierige Ablösungssituation, weitere ungelöste familiäre Probleme, überzogene schulische Anforderungen gepaart mit Anonymität, Mobbing, Einsamkeit) mich immer tiefer in die Essstörung trieben.
Doch wie so oft, wenn lange nichts geschieht, wird danach umso mehr übersteuert. «Jemand muss doch endlich was tun!» ist zwar ein Hilfeschrei, aber kein konkreter, hilfreicher, professioneller Ansatz, der der Gesamtsituation gerecht würde.
Im Schlupfhuus Zuflucht suchend und danach einer selbst ernannten ärztlichen Expertin vorgestellt, wurde ich zwischen dem Zürcher Kinderspital, der geschlossenen Akut-Erwachsenenpsychiatrie in Embrach (heutige IPW), der Kinder-Intensivstation des Kispi und der geschlossenen Jugendpsychiatrie (KJPD, heute ein Teil der PUK) wie eine heisse Kartoffel hin- und hergeschoben.
«Wer ich bin, wie ich fühle, völlig egal.»
Fehlende Anamnese, null Bemühungen um ein Vertrauensverhältnis als tragbare Grundlage der Behandlung und Zusammenarbeit, einseitige Fixierung auf das Körperliche, unzählige Blutentnahmen und weitere invasive und schmerzhafte Untersuchungen und Eingriffe gegen meinen Willen prägten diese zerstörerischen Monate. Die damaligen Austrittsberichte lassen mich noch heute fassungslos zurück. «Wer ich bin, wie ich fühle, völlig egal.»
Ich möchte an dieser Stelle klarstellen, dass ich zwar froh bin, dieses Monster von Essstörung los zu sein. Aber es kann und darf nicht sein, ein Monster durch ein anderes Monster, nämlich ein Trauma, zu ersetzen, das genauso zur Chronifizierung neigt und jahrzehntelanges Leid nach sich zieht.
Mir ist die hohe Rate an langwierigen Verläufen bei Essstörungen völlig bewusst und ich weiss – aus eigener Erfahrung als auch von anderen Betroffenen - dass das Gegensteuern harte Arbeit bedeutet.
Arbeit, die allerdings wohlwollende Unterstützung in einem tragenden Umfeld mit einem langen Atem verdient hat, und die mit Druck, Zwang, Angst und Enge letztlich nicht funktioniert. Denn es bleibt am Ende die Entscheidung der:des Betroffenen selber, wie der weitere Lebensweg aussehen soll und welche Form der Unterstützung sie:er dazu annehmen kann. Die entsprechende Fachliteratur, die sich gegen Druck, Zwang und Gewalt ausspricht, gab es schon damals mit Alexa Frankes «Wege aus dem goldenen Käfig» (1994). Man hätte sie halt kennen müssen...
Auswirkungen auf mein Leben, beruflich und privat
Die ersten 10 Jahre danach, von 15 bis 25, war es, als würden diese 9 Monate davor gar nicht mehr existieren. Ich sprach mit niemandem darüber und verdrängte sie mit aller Macht aus meinen Gedanken und aus meiner Gegenwart.
Der Preis des Verdrängens war allerdings sehr hoch. Lange verstand ich nicht, dass meine gefühlsmässige Taubheit dem Überlebensmodus geschuldet war, der eben nicht zutraulich, ausprobierend, lebendig und lebensfroh, sondern verflacht, funktional und defensiv war. Es war kein mutiges Voranschreiten und die Fühlerausstrecken ins Leben, sondern ein duckendes Überleben, bis der Marathonlauf zur Matur geschafft war.
Danach war ich ausgebrannt wie noch nie. Ich fühlte mich weder freudig noch stolz, sondern einfach nur taub, einsam und in einer bodenlosen, finsteren, neblig-wattigen Traurigkeit gefangen. Da ich ab 16 allein wohnte, weg von aller als desinteressiert bis destruktiv erlebten Fremdbetreuung, war ich auf mich allein gestellt. Niemand hatte sich erkundigt, was meine Anschlusslösung sei, wie meine weiteren Pläne aussähen.
Ohne inneren Kompass driftete ich orientierungslos herum und verlor viele wertvolle Jahre. Jobbte, fing eine Ausbildung an, brach sie wieder ab, wurde von Erinnerungen eingeholt, raffte mich auf, machte Praktika, bestand das Aufnahmeverfahren, brach die Ausbildung wieder ab, raffte mich wieder auf, scheiterte erneut – und geriet allmählich ins Hintertreffen gegenüber gesellschaftlichen Erwartungen und – schlimmer – eigenen Hoffnungen. Noch heute, mittlerweile 42, kämpfe ich damit, beruflich festen Boden zu finden, und es nagt an mir.
Die besondere Machtlosigkeit Minderjähriger in der Psychiatrie
Das psychiatrische Gesundheitssystem bietet Kindern und Jugendlichen wenig rechtliches, erreichbares, adressatengerechtes Gehör und praktisch keine Beschwerdemöglichkeit. Klagen und Kritik werden oft als «Symptome der Krankheit» abgetan, ignoriert oder zu «Widerstand gegen die Behandlung» umgedeutet, denen mit Druck und Entzug von Freiheiten in einem ungleichen Machtkampf begegnet werden soll, den sie letztlich nur verlieren können.
Eine Therapie muss sich aber vorrangig aus der Sicht der Jugendlichen lohnen – sie sind die Hauptpersonen! Es gilt zu akzeptieren, dass es zwischen den jugendlichen und den erwachsenen Sichtweisen Abweichungen gibt und dass Jugendliche durchaus in vielen Bereichen urteilsfähig bleiben. Rechtlich hiesse das: ohne informierte Einwilligung keine Behandlung.
Zudem sollten die in der Kinder- und Jugendpsychiatrie Tätigen erst einmal genügend Erfahrungen mit gesunden Minderjährigen mitbringen. Die Fixierung auf die erkrankten Anteile, oft Ausdruck einer grösseren familiär-schulisch-gesellschaftlichen Schieflage, verstellt oft den Blick auf die gesunden Anteile, die dann verkümmern.
- «Nothing matters until you matter!» Janet Sasson Edgette
Das hiesse, ein Kind, eine Jugendliche nicht nur zu «schützen», also zu versorgen und aufzubewahren, sondern anzubieten und umzusetzen, was sie täglich an Anregung, Spiel, Bewegung, sozialen Kontakten und Austausch brauchen, um gesund zu bleiben und zu werden. Es hiesse auch, das kindliche Zeitempfinden und jugendliche, völlig natürliche und notwendige Autonomiebestrebungen richtig einzuordnen, die oft mit dem starren Korsett der institutionellen Psychiatrie kollidieren.
Die Fachpersonen sollten Jugendlichen und Kindern mit Vertrauen und tragfähigen Beziehungen auf Augenhöhe in einer lebendigen, anregenden und anpassungsfähigen Umgebung begegnen. «Nothing matters until you matter!»
Der Fluch der Wiederholung: Angst, sich erneut Hilfe zu holen
Auf der Suche nach Beistand und Unterstützung für diesen schlimmen Teil meines Lebens stellte sich mir ein besonders ekliges Problem, nämlich, dass mich vieles in psychiatrischen Angeboten von vornherein an damals erinnerte, z. B. verschlossene Türen, Sicherheitsglas vor den Fenstern, ein bestimmter Geruch, schräg gestellte Türfallen sowie Strukturen, Abläufe und Begriffe wie die der ärztlichen Visite, die Fokussierung auf das Körperliche und – vor allem! - das sinnlose Absitzen von Stunden, Tagen und Wochen. Es war oft zum Davonlaufen.
Doch, und das gehört auch zur Geschichte dazu, ich habe mir und den psychiatrischen Versorgungsangeboten immer wieder eine neue Chance gegeben. Ich durfte in den vergangenen 20 Jahren an vielen Angeboten der PUK, IPW und Clienia teilnehmen und habe auch Freundlichkeit, Offenheit, Geduld, Empathie, Orientierung, Herzlichkeit und Wohnlichkeit angetroffen, viele aussergewöhnliche Menschen kennen gelernt und vor allem miterlebt, wie sich die Zeiten gewandelt haben.
Kollektive Verdrängung
Abgesehen von der eigenen Verdrängung und von der sozialen Abwehr, die einem noch vor 20 Jahren als Psychiatrie-Betroffene entgegenschlug, wurden zaghafte Versuche der Aufarbeitung auch von Fachstellen selber ausgebremst. Will man es vielleicht gar nicht so genau wissen, ist einem das Thema unangenehm, peinlich, gar unheimlich?
Die Psychex schmetterte 2007 mein Anliegen am Telefon mit dem Hinweis ab, das sei doch alles verjährt.
«Das ist doch alles längst verjährt und wird doch schon mit rechten Dingen zugegangen sein. Aus dem Bericht lässt sich entnehmen, dass die Behandlung für die damalige Zeit angemessen war», tönte es auch von der Patientenstelle 2013. «Vernetzen Sie sich doch mit ähnlich Betroffenen um das zu verarbeiten.»
«Lassen Sie’s hinter sich! Andere hatten’s doch auch schwer.» oder «Das kann man nur betrauern. Es wird mit der Zeit schon verblassen.» Auch das musste ich mir genug oft von psychotherapeutischer Seite anhören.
Es ist wohl eine Kunst, weder ins Bemitleiden und Privatisieren des Problems noch ins Kleinreden und Verdrängen abzudriften, sondern sich auch mutig mit-zu-wehren, sich dem mühsamen Kampf um Gehör zu stellen, sich zu vernetzen, beharrlich zu bleiben. Auch die Stiftung Pro Mente Sana war anfangs keine Hilfe, aber wir sind dran geblieben, gemeinsam, et voilà!
Wie es anders laufen kann und könnte
Wage es – gestalte dein Leben.
Sich den schmerzhaften und verdrängten Erinnerungen mutig zu stellen – begleitet von Vertrauens-, Fach- oder Peerpersonen, unterstützt von Organisationen wie Pro Mente Sana sowie bei Bedarf durch Ombudsstellen oder anwaltlichem Beistand – kann helfen, für sich einzustehen, ein Stück Ausgleich und Gerechtigkeit zu erfahren, sich wiederherzustellen und heiler weiterleben zu können.
Und ja, nicht zuletzt sollen Betroffene den Mut aufbringen und sich die Chance einräumen, neue Erfahrungen zu wagen, um alte Erfahrungen zu überschreiben. Das Versorgungsangebot ist mittlerweile vielfältig und die Zeiten haben sich vielerorts – zum Glück - geändert. Wage es – gestalte dein Leben.
Manchmal hilft auch ein bisschen Mad Pride. Ja, ich bin psychiatrieerfahren. Das ist mutig und nichts, wofür ich mich zu schämen habe. Die Seele ist kein Stiefkind des Körpers und verdient dieselbe Fürsorge.
Die nächste Mad Pride findet am 10. Oktober 2026, dem Tag der psychischen Gesundheit, in Bern statt. Bis bald?
Literatur und Dank
- Ein besonderer Dank gilt Patricia Nydegger und ihrer Diplomarbeit an der Höheren Fachschule für Sozialpädagogik Luzern, 2024: «Zugriff – Sozialpädagogik und Zwangsmassnahmen im kinder- und jugendpsychiatrischen Setting». (Anmerkung der Redaktion: Zudem hat auch Patricia Nydegger einen Beitrag in unserem Akzent «Fürsorgerische Unterbringung und Zwangsmassnahmen» veröffentlicht.)
- Die «Association Romande Pro Mente Sana» hat einen Übersichtsartikel veröffentlicht: «Zwangseinweisungen in psychiatrische Kliniken aus der Sicht der Grundrechte». Der letzte Abschnitt widmet sich speziell den betroffenen Menschen unter 18 Jahren.
- Nicht zuletzt möchte ich der Stiftung Pro Mente Sana, insbesondere Frau Schwendener und Frau Speziale, herzlich danken, die den langen Atem hatten, diesen Gastbeitrag über ein Jahr hinweg und durch alle Krisen hindurch im Entstehen zu begleiten.
- Als Fachbücher zur therapeutischen Arbeit mit Jugendlichen ist Jennifer Sasson Edgette zu empfehlen:
Adolescent Therapy That Really Works:
Helping Kids Who Never Asked for Help in the First Place
Janet Sasson Edgette, 2006 das Zitat „Nohting matters until you matter“ stammt aus der Überschrift des Vorwortes.
Sie hat auch ein neueres Buch geschrieben:
Therapeutic Conversations with Adolescents:
Helping Teens in Therapy Thrive in an Ultra-Competitive, Screen-Saturated World
Janet Sasson Edgette, 2023